
Samstag, 18. Juli 2009
THE MANHATTAN TRANSFER
Open-Air-Bühne am Mercedes-Benz Museum
Das in New York gegründete, mittlerweile in Kalifornien ansässige A-Cappella-Quartett steht nach mehr als 35 Jahren Bühnen- und Studioarbeit noch immer an der Spitze des Vocal-Jazz. „Chanson d’Amour”, ihr Nr.-1-Hit in den englischen und französischen Charts von 1976, ist als Evergreen fest im kollektiven Hörgedächtnis verankert. 1981 schrieben The Manhattan Transfer Musikgeschichte, als sie sowohl mit einem ’Grammy’ für Pop als auch einem für Jazz ausgezeichnet wurden. 1985 erhielten sie für ihr Album „Vocalese“ rekordverdächtige zwölf ’Grammy’-Nominierungen, wovon sie auch zwei gewonnen haben. Außer auf den 1925 erschienenen, gleichnamigen Klassiker des modernen Romans von John Dos Passos, der die schnelllebige Großstadtatmosphäre New Yorks einfängt, geht der Name des Ensembles auch auf den zeitweiligen Nebenberuf von Gründungsmitglied Tim Hauser zurück: Zwei der künftigen Mitglieder der Gruppe, die mit millionenfach verkauften Alben, ’Grammys’ im Dutzend und ausverkauften Welttourneen eine der erfolgreichsten Formationen der Gegenwart werden sollte, lernte er als Fahrgäste (bzw. deren Freundeskreis) seines Taxis kennen – neben Laurel Massé, die 1978 aufgrund eines Autounfalls ausstieg und durch Cheryl Bentyne ersetzt wurde, ergab sich auch der Kontakt zu Janis Siegel durch eine Taxi-Bekanntschaft. Mit Alan Paul, der zum Original-Ensemble von „Grease“ gehörte, war das Quartett 1972 komplett. Die Anregungen für ihre Songs holen sie sich aus den unterschiedlichsten Bereichen der Jazz- und Popkultur. Rasch konnten sie sich einen guten Ruf in der Szene verschaffen: Ende 1974 waren sie die Live-Attraktion in New York, TV-Stationen wie Newsweek berichteten über ihre Shows. 1975 wurden The Manhattan Transfer vom legendären Label-Gründer Ahmet Ertegun für Atlantic Records verpflichtet und veröffentlichten ihr Debütalbum, das mit „Operator” ihren ersten Top-20-Hit in den USA enthielt. Nach einer Reihe von Gastauftritten bei TV-Shows und -Specials erhielten sie bei CBS eine eigene TV-Show, die im Sommer 1975 ausgestrahlt wurde und unter anderem den ersten amerikanischen TV-Auftritt von Bob Marley & The Wailers verantwortete. Ihre nächsten beiden Alben, „Coming Out” und „Pastiche”, waren mit einer ganzen Reihe von Top-10-Hits in Europa ebenfalls sehr erfolgreich, allen voran mit „Chanson d’Amour”. Das Album „Extensions“ enthielt mit einer Vocal-Version des Weather-Report-Klassikers „Birdland“ so etwas wie die künftige Erkennungsmelodie von The Manhattan Transfer – Janis Siegel wurde im Folgenden mit zwei ’Grammys’ für diese Produktion ausgezeichnet. 1981 erhielten sie die Auszeichnung erstmals als Formation – als erste Band jemals gleichzeitig in den Kategorien Pop und Jazz, für zwei unterschiedliche Songs aus ihrem Album „Mecca for Moderns“. Für „Route 66“, das 1982 auch im Burt Reynolds-Film „Sharkys machine“ verwendet wurde, aber erst 1984 auf der LP „Bop Doo-Wop“ erschien, sowie für „Why Not!" von 1983 folgten weitere Auszeichnungen. Ebenso wurden sie für ihr Bossa-Nova-Album „Brasil“ von 1988 mit einem ’Grammy’ geehrt. Zum Ausklang der Dekade wurden sie sowohl im Down Beat als auch im Playboy zur besten ’vocal-group’ gewählt. In den 90er Jahren veröffentlichten The Manhattan Transfer weitere Alben mit neuen Originals, etwa „The Offbeat Of Avenues“ (1991), für die Single „Sassy“ ebenfalls mit dem ’Grammy’ ausgezeichnet, ein Weihnachtsalbum, das noch heute ein jährlicher Shopping-Favorit ist, Musik für Kinder („The Manhattan Transfer Meets Tubby The Tuba“, 1995) und nahmen für „Tonin’“ (1994) Popmusik der 50er und 60er Jahre sowie 1997 ein Album mit Swing-Standards auf. In dieser Zeit arbeiteten sie auch mit Weltstars wie Tony Bennett, Bette Midler, Smokey Robinson, Laura Nyro, Phil Collins, B.B. King, Chaka Khan, James Taylor und Frankie Valli zusammen. Mit „The Spirit Of St. Louis“ erschien 2000 ein Tribute-Album, das der Musik von Louis Armstrong gewidmet ist; mit „Couldn’t Be Hotter“ 2003 ein Live-Album, das „endlich die Magie ihrer Live-Performance auf Platte gebannt hat“ (allmusic.com). 2004 erschien „Vibrate”, im kommenden Jahr ein weiteres Weihnachtsalbum („An Acapella Christmas”), sowie 2006 mit „The Symphony Sessions“ orchestral arrangierte Neuaufnahmen ihrer größten Hits. Die 2006 veröffentlichte Compilation „The Definitive Pop Collection“ ist nicht nur eine Retrospektive, die auf zwei CDs Gelegenheit bietet, auf eines der umfangreichsten Gesamtwerke der amerikanischen Musikgeschichte zurückzublicken, sondern auch das Versprechen auf eine lebendige Zukunft dieser Institution, die nach wie vor hungrig, ruhelos, abenteuerlustig, kurzum: kein bisschen saturiert wirkt und, wie der Philadelphia Inquirer so schön formuliert hat, „immer noch gefährlich klingen kann.“ Derzeit ist der Auftritt von The Manhattan Transfer bei den BW-Bank jazzopen stuttgart der Tourauftakt ihrer Europatournee und ihr einziges Deutschlandkonzert 2009.
Besetzung:
Janis Siegel (vocals)
Tim Hauser (vocals)
Alan Paul (vocals)
Cheryl Bentyne (vocals)
Yaron Gershovsky (piano/MD)
Steve Hass (drums)
Gary Wicks (bass)
Adam Hawley (guitar)