
Montag, 20. Juli 2009
JAMES MORRISON
Messe Stuttgart (Flughafen), Halle 1
„Die Jugend ist für alle eine schwere Zeit“, sagt James Morrison. „Ich will nicht behaupten, dass es mir schlechter ging als anderen, dennoch stammen die meisten Emotionen in meiner Musik aus dieser Zeit, aus meiner Jugend.“ James Morrison kommt 1984 in Rugby als zweites von drei Kindern zur Welt. Seine Mutter ist alleinerziehend, was die Kinder früh zu großer Selbstständigkeit zwingt. Umzüge sind schon bald die Regel – eine Serie von Neuanfängen, die nie wirklich als solche funktionierten. „Der Hauptgrund für die jeweiligen Umzüge war ein Schuldenberg, vor dem wir fliehen mussten. Plötzlich hieß es, dass wir aus der Wohnung geschmissen werden, also zogen wir weiter“, lässt Morrison die Zeit Revue passieren. Doch eine Sache fehlt in ihrem Haushalt nie: Gute Musik. James’ Mutter, die einst selbst in einer Band gesungen hatte, besaß eine Plattensammlung, die von Pink Floyd bis Van Morrison und von Stevie Wonder bis Michael Jackson gut sortiert war. Als er dreizehn ist, zeigt ihm sein Onkel, wie man ein Blues-Riff auf der Gitarre spielt. Ab sofort verbringt James Morrison jeden Abend mit seinem neuen Lieblingsinstrument. Mit 15 Jahren erfolgt ein weiterer Umzug – diesmal in die Küstenstadt Porth. Um sein Taschengeld aufzubessern, beginnt James auf der Straße zu spielen. „Ich nahm meistens all meine Freunde mit, und manchmal blieben riesige Menschenmengen stehen und hörten uns zu. Ich habe auf diese Weise schon früh gelernt, vor Leuten zu spielen, ohne dabei nervös zu werden. Und ich habe gut dabei verdient – manchmal bis zu 70 Pfund pro Stunde. Mehr noch: Mädchen kamen natürlich auch vorbei, um sich meine Songs anzuhören... manchmal haben die Typen absichtlich gestört, weil sie eifersüchtig waren.“ Er folgt seiner Freundin Gill nach Derby und hält dort Ausschau nach Auftrittsmöglichkeiten, doch die Pubs, in denen er anfragt, sind ausschließlich an Karaoke interessiert. Frustriert überlegt er nach Porth zurückzukehren, als ihn ein lokaler Musiker bei einem seiner raren Gigs anspricht und einlädt, eine Demo-CD aufzunehmen. Spencer Wells, ein Trendscout, der bereits mit Beverley Knight gearbeitet und David Gray sowie Damien Rice entdeckt hat, bekommt die CD in die Hände und setzt sich umgehend mit James in Verbindung. „Da schlurft dieser hagere, weiße Junge mit einer abgehalfterten Jacke, einer Wollmütze und seiner Gitarre auf dem Rücken in den Raum, und ich denke mir nur, dass es niemals der Typ mit der CD sein kann“, erinnert sich Spencer. "Er fragte, 'Sie wollten, dass ich für Sie singe?', und nach nur zwei Textzeilen war ich hin und weg. Seine Stimme ist einfach unglaublich – und dazu ist er so ein bescheidener Kerl, dass er gar nicht realisiert, was für eine Gabe er eigentlich besitzt.“ Spencer und sein Businesspartner Paul McDonald vermitteln Morrison einen Deal mit Polydor. Zunächst wird er eingesetzt, um die Debüt-Tour für Corinne Bailey Rae zu unterstützen. Es dauert nicht lange, bis er sich zu Aufnahmen in einem Studio in West London wieder findet. An seiner Seite nicht nur den Produzenten Martin Terefe (Ron Sexsmith, KT Tunstall und Ed Harcourt), sondern auch eine Streicher-Gruppe aus Nashville. Als sein Debütalbum „Undiscovered“ im Juli 2006 erscheint, setzt es sich direkt an die Spitze der britischen Album-Charts und erreicht zudem die Top 20 in den USA; mittlerweile sind über 2 Millionen Exemplare verkauft – zehnmal wurde es bereits mit Platin, elfmal mit Gold ausgezeichnet. „You Give Me Something“, seine Debütsingle, erreicht international Top-Platzierungen in den Charts, ist in Großbritannien und der Schweiz sogar ein Top-5-Hit. Mit „Wonderful World“, „The Pieces Don't Fit Anymore“, „One Last Chance“ und dem Titeltrack des Albums werden noch vier weitere Songs als Single ausgekoppelt. Rasch hat sich James Morrison mit seinen gefühlvollen Songs und den tiefgründigen Lyrics eine beachtliche Fangemeinde erspielt: 2006 war er der bestverkaufte männliche Solokünstler Englands. In Deutschland wird er für den ’Echo 2007’ in der Kategorie „Newcomer International“ nominiert. Im Februar 2007 gewinnt er einen ’Brit Award’ als „British Male Solo Artist“. Auch als Liveperformer macht Morrison sich einen Namen. Nachdem sein erster TV-Auftritt bei „Later With Jools Holland“ alle völlig überrascht hatte, spielt er eine umjubelte Show nach der anderen, inklusive eines Doppelauftritts beim ’V 2006’, wo ihn so viele Leute in einem der kleineren Festivalzelte hatten sehen wollen, dass er zu einer zusätzlichen Spontanperformance auf die Hauptbühne eingeladen wurde; letztes Jahr spielte er eine komplette Show auf der Hauptbühne. Es folgten die ’Royal Variety Performance’ und drei ausverkaufte Tourneen. Beim ’Peace One Day’-Konzert in der Royal Albert Hall realisierte er plötzlich, dass sich sein Leben für immer geändert hatte: „Kurz bevor ich auf die Bühne ging, sah ich mir den Auftritt von Yusuf Islam an und dachte ’Ich bin nach Cat Stevens dran!’ Ich erinnere mich noch, wie mein Dad sich seine Platten anhörte … während der düstersten Momente … der besten Momente.“ Später sang James auf Yusufs neuem Album. Seine Tourneen führten ihn nach Europa, Australien und Japan. Allein die USA bereiste er dreimal von einer Küste zur anderen. Zudem erhält er eine Einladung ins Wembley Stadion zum ’Concert for Diana’, anlässlich des 10. Todestags der Prinzessin von Wales. Im Herbst 2008 ist nun auch hierzulande das zweite Album von James Morrison mit dem Titel „Songs For You, Truths For Me“ erschienen, nachdem es zur Veröffentlichung in Großbritannien bereits von 0 auf Platz 3 der Charts geschossen ist. An der Produktion waren unter anderem Gary Barlow, der Sänger von Take That, mit dem er den Song „Save Yourself“ geschrieben hat, Ryan Tedder, der Songwriter, Producer und Leadsinger von OneRepublic, das Nashville String Quartet und der US-amerikanische Sänger Jason Mraz beteiligt, auf dessen Album „We sing. We dance. We steal things.“ Morrison im Song „Details in the Fabric” zu hören war. Aufgenommen wurde das Album in den Real World Studios von Peter Gabriel. Die erste Single „You Make It Real", auf der Morrison wie ein junger, britischer Bruce Springsteen wirkt, stieg in Großbritannien und Deutschland wieder sofort in die Charts ein. Seine aktuelle Single „Broken Strings“, ein Duett mit Nelly Furtado, dominierte Anfang 2009 fünf Wochen in Folge die deutschen Single-Charts und ist immer noch in den Top-Ten vertreten. Bereits mit seinem Debütalbum hat sich James Morrison im Stildreieck Soul/R&B/Rock seine eigene Nische ausgehöhlt, einen Sound mit individueller Färbung. Nun präsentiert er erneut ein Dutzend seiner im Blues getränkte Folk-Pop-Songs, hierzu kommen diesmal ausgefeiltere Arrangements und hin und wieder auch ein wenig mehr Swing zu den allgegenwärtigen Soul-Einflüssen. Nach wie vor orientiert er sich gesanglich und stilistisch an Black-Music-Größen wie Otis Redding, Stevie Wonder, Marvin Gaye und Al Green, ist aber weit davon entfernt, seine Idole lediglich zu kopieren. Tatsächlich steht er mit seiner Musik eher in der anderen Ahnenreihe von ihm verehrter Künstler wie Cat Stevens, The Kinks und Van Morrison, die eben diese afroamerikanischen Vorbilder zu einem originären Sound – dem Blue-eyed Soul – verarbeitet haben. Wegen seiner kratzig-markanten Stimme und seiner Affinität zur Musik vergangener Epochen wird er außerdem oft mit Jamie Cullum verglichen, bringt aber wesentlich mehr Soul-Elemente in seine Songs ein. Andere wiederum fühlen sich an Bryan Adams erinnert. Der 2008 verstorbene Jerry Wexler, legendärer Produzent und Mitbegründer von Atlantic Records, brachte es dagegen folgendermaßen auf den Punkt: „Am bemerkenswertesten ist seine Stimme: sie ist absolut einzigartig. Einmal gehört, wird man sich für immer an sie erinnern.“ Auch privat läuft es momentan blendend für James Morrison: Am 10. September 2008 brachte seine Freundin Gill ihr erstes gemeinsames Kind zur Welt.