
Mittwoch, 22. Juli 2009
MARIANNE FAITHFULL
Messe Stuttgart (Flughafen), Halle H1
Die 1946 im britischen Hampstead bei London geborene Sängerin, Songschreiberin und Schauspielerin ist eine der faszinierendsten Persönlichkeiten der Popmusik. Bereits Mitte der 60er Jahre war Marianne Faithfull im Zentrum der Boheme angekommen: als ständige Begleiterin von Mick Jagger ist sie eine der Schlüsselfiguren im London der ’swinging sixties’. Ihren ersten Erfolg als Sängerin hat sie 1964 mit dem UK-Top-Ten-Hit „As Tears Go By“, übrigens dem ersten Song, den Mick Jagger und Keith Richards zusammen geschrieben hatten. Bereits auf diesem Debüt fallen die außergewöhnlichen Qualitäten von Marianne Faithfull als Interpretin auf: wie keine andere Sängerin ihrer Zeit versteht sie sich darauf, sich eine Fremdkomposition komplett zu Eigen zu machen. Dass jeder Song aus dem Mund von Marianne Faithfull wie ein Marianne-Faithfull-Song klingt, verdankt sich ihrer ungewöhnlichen Stimmführung, die entgegen klassischer Schönheitsideale zu Beginn ihrer Karriere mit schneidender Klarheit, später – um eine Oktave tiefer liegend – durch ein raues, rauchig-gebrochenes Alt-Timbre beeindruckt und zu einem sehr persönlichen, geradezu intimen Ton findet – expressive Intensität statt überkultiviertem Wohlklang. Umgekehrt beeinflusste sie auch als Songschreiberin die Entwicklung der heute bekanntesten Rock-Band aller Zeiten: „Sister Morphine“ erschien zunächst als B-Seite ihrer Single „Something Better“, bevor die Stones den Song 1971 auf ihrem Album „Sticky Fingers“ veröffentlichten. In den späten 60er Jahren erscheinen mit „Come And Stay With Me“, „This Little Bird“ und „Summer Night“ noch weitere erfolgreiche Folk-Singles von Marianne Faithfull, die man zu dieser Zeit auch bereits als Schauspielerin bewundern kann: 1969 ist sie an der Seite von Alain Delon in „Girl On A Motorcycle“ zu sehen, zuvor bereits – sich jeweils selbst verkörpernd – in D.A. Pennebakers Bob-Dylan-Dokumentation „Don’t Look Back“ und in Filmen des jungen Jean-Luc Goddard wie „Made In USA“ oder „Sympathy For The Devil – One Plus One“, Anfang der 70er Jahre auch in experimentelleren Produktionen wie in Kenneth Angers Kultfilm „Lucifer Rising“. Darüber hinaus ist Marianne Faithfull auch als Theaterschauspielerin gefragt und feiert in Bühneninszenierungen wie dem Tschechow-Drama „Drei Schwestern“ oder als Ophelia in „Hamlet“ große Erfolge. Dennoch war es ihre Rolle als Muse von Mick Jagger, die ihr zu Beginn ihrer Karriere die größte öffentliche Aufmerksamkeit bescherte: neben Kolportagen ihrer Party-Auftritte mit den Rolling Stones bestimmte zunehmend die Heroinabhängigkeit der Künstlerin die Schlagzeilen der britischen Boulevardpresse. Während der 70er Jahre ist Marianne Faithfull nahezu vollständig aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwunden: mit dem 1976 veröffentlichten Album „Dreamin’ My Dreams“ zeigt sie zwar als Countrysängerin eine neue Facette ihres Könnens, ist damit aber lediglich in Irland erfolgreich. Erst 1979 gelingt ihr ein Comeback, das allerdings wahrlich überraschen konnte: mit „Broken English“ emanzipierte sich Marianne Faithfull von ihrem Image als Sexsymbol und Starlet-Ikone der Sixties und etablierte sich endgültig als auch von der Kritik ernst genommene Sängerin. Die Singleauskopplung „The Ballad of Lucy Jordan”, von Shel Silverstein ursprünglich für Dr. Hook & the Medicine Show geschrieben, erreichte in Deutschland Platz 5 der Charts und hielt sich insgesamt elf Wochen in den Top Ten. Auch „Working Class Hero“ von John Lennon ist auf „Borken English“ enthalten und entwickelte sich mit der Zeit zu einem weiteren Klassiker im Repertoire von Marianne Faithfull, der auch heute noch immer wieder seinen Platz in entsprechenden Radioformaten findet. Mit „Dangerous Acquaintances“ (1981) und „A Child's Adventure“ (1983) erschienen zwei weitere Alben, die sich am damaligen New-Wave-Sound orientierten. 1985 verlieh ihr Alan Ginsberg, der große amerikanische Dichter der Beat Generation, kurz vor seinem Tod den Titel einer Ehrenprofessorin der Poesie an der ’Jack Kerouac School of Disembodied Poetics’ in Boulder, Colorado. Mit der Veröffentlichung von „Strange Weather“ bricht 1987 eine neue Epoche im Oeuvre von Marianne Faithfull an: die nunmehr von ihrer Opiatabhängigkeit befreite Sängerin überzeugte Kritiker und Publikum mit einer Zusammenstellung klassischer Pop-, Blues- und Jazzsongs. Die 1990 veröffentlichte Retrospektive „Blazing Away“ wurde live in einer Kirche in New York unter Mitwirkung von Dr. John sowie Mitgliedern von The Band und der Lounge Lizards mitgeschnitten. Die nächste Erweiterung ihres Ausdrucksspektrums dokumentierte sich 1995 auf „A Secret Life“: in Zusammenarbeit mit dem italienischen Komponisten Angelo Badalamenti beginnt sie hierauf, ihre Faszination für die Musik der Weimarer Republik, insbesondere für die Songs von Kurt Weill und Bertolt Brecht, umzusetzen; ein Projekt, das für weitere zwei Alben („20th Century Blues“ von 1997 und „The Seven Deadly Sins“ von 1998) richtungweisend wird und ihr mit der Uraufführung der englischen Adaption des gesungenen Weill-Balletts „Die sieben Todsünden“ auch als erstem Popstar einen Auftritt bei den Salzburger Festspielen einträgt. Das zugehörige Album erreicht weltweit die oberen Regionen der Klassikcharts. Neben dieser Entwicklung zur Chanson- und Jazzinterpretin ist sie in den 90er Jahren auch in Kollaborationen mit alten Weggefährten wie Van Morrison (1994 erscheint „Madame George“, ursprünglich auf Morrisons Kultalbum „Astral Weeks“ veröffentlicht, als Faithfull-Single, aber auch auf dem Morrison-Tribute-Album „No Prima Donna: The Songs of Van Morrison“), aber auch mit Rockbands der neueren Zeit wie Pulp oder Metallica (auf der Single „The Memory Remains“) zu hören. Die Rückkehr zu ihrer Mainstream-Musik-Karriere erfolgt 1999 mit dem Album „Vagabond Ways“, das mit ihrer Version des Leonard-Cohen-Songs „Tower of Song", dem neu von Elton John geschriebenen „For Wanting You" sowie „Incarceration of a Flower Child“, einem unveröffentlichten Roger-Waters-Song von 1968, einen weiteren Höhepunkten ihrer Laufbahn darstellt. In den Jahren nach der Jahrtausendwende konzentriert sich Marianne Faithfull zunächst wieder verstärkt auf ihre Schauspielkarriere und ist in Filmen wie „Intimacy“ (2001, von Patrice Chéreau, ausgezeichnet mit dem Goldenen Bären der 51. Berlinale) und „Far From China“ (ebenfalls 2001, von Christian Leigh) zu sehen. Auch für ihre Interpretation der Rolle der Maria Theresia von Österreich im Film „Marie Antoinette“ von Sofia Coppola, der 2006 in die Kinos kommt, erhält sie viel Aufmerksamkeit. 2002 erscheint mit „Kissin’ Time“ ein Album, das die Sängerin in zahlreichen Kollaborationen mit hochrangigen aktuellen Künstlern zeigt: neben Damon Albarn von Blur, Jarvis Cocker von Pulp, Billy Corgan von den Smashing Pumpkins sind Beck und Dave Stewart beteiligt. Noch erfolgreicher geht dieses Konzept mit dem 2004 veröffentlichten Album „Before the Poison“ auf, an dem neben Damon Albarn diesmal PJ Harvey, die hier auch als Produzentin fungiert, Nick Cave und der Filmkomponist Jon Brion beteiligt sind. „Die wohl bewegendste und düsterste Songsammlung ihrer Karriere, die Faithfull endgültig in den Rang ausdrucksstarker Chanteusen wie Nico oder Joni Mitchell stellt“, befindet etwa Laut.de. Zudem steht sie im selben Jahr in mehr als 70 Aufführungen von „The Black Rider“ auf der Bühne, einem Musical, für das Robert Wilson zusammen mit Tom Waits und William S. Burroughs Motive der „Freischütz“-Volkssage verarbeitet hat. Nachdem Marianne Faithfull eine 2006 diagnostizierte Brustkrebserkrankung überstanden hat, wird sie 2007 für ihre Hauptrolle in Sam Garbarskis Komödie „Irina Palm“ euphorisch gefeiert – bei der Welturaufführung im Rahmen der Berlinale kann sie 20 Minuten stehende Ovationen entgegennehmen. Daran anschließend begibt sich Marianne Faithfull auf eine weitere Welttournee. Es ist erstaunlich, wie aufmerksam sie die aktuellsten Entwicklungen im gegenwärtigen Musikgeschehen verfolgt: Bereits „Megpie“, ein Duett dem aufregenden britischen Newcomer Patrick Wolf, das 2007 auf dessen Album „The Magic Position“ erschien, zeigt sie – wie stets – auf der Höhe der Zeit. Ihr im November 2008 erschienenes Album „Easy Come, Easy Go“ präsentiert sie nicht nur erneut in Kollaborationen mit momentan hoch gehandelten Künstlern wie Nick Cave, Antony Hegarty, Rufus Wainwright, Jarvis Cocker, Sean Lennon und Chan Marshall (Cat Power), sondern auch mit alten Weggefährten wie Keith Richards. Als Produzent zeichnet erneut Hal Willner verantwortlich, der als Meister cleverer Compilations, insbesondere der Idee der Tribute-Alben, gilt und bereits „Strange Weather“ und „Blazing Away“ produzierte. Unterstützt von einer Brass- und einer String-Section sowie Musikern wie Marc Ribot und Barry Reynolds interpretiert sie Songs wie den von Duke Ellington geschriebenen Billie-Holiday-Klassiker „Solitude“, Merle Haggards „Sing Me Back Home“, den „Easy Come Easy Go Blues“ von Bessie Smith, Dolly Partons „Down From Dover“, „Ooh Baby Baby" von Smokey Robinson, „Children of Stone" von den Espers oder Randy Newmans „In Germany before the War“, verleiht aber auch neueren Titeln wie dem Decemberists-Stück „The Crane Wife 3" oder „Dear God please help me" von Morrissey den unverwechselbaren Charakter eines Faithfull-Songs. Unmittelbar nach seiner Veröffentlichung auf Naïve stieg „Easy Come, Easy Go“ auf Platz 51 der deutschen Album-Charts ein. Anlässlich der BW-Bank jazzopen gastiert Marianne Faithfull bei einem ihrer wenigen Deutschland-Auftritte im Jahr 2009 erstmals seit 2002 in Stuttgart.
Besetzung:
Marianne Faithfull (vocals)
Martyn Barker (drums)
Rory McFarlane (upright and electric bass)
Roger Eno (piano and organ)
Leo Abrahams (guitars, hurdy gurdy & accordion)
Kate St John (oboe, cor anglais, sax & accordion)
Jack Pinter (clarinet, bass clarinet, saxes, flute, & bass flute)
David Coulter (saw, banjo, fiddle, mandolin, baritone ukulele, jew's harps & percussion)