
Dienstag, 21. Juli 2009
SONNY ROLLINS
Messe Stuttgart (Flughafen), Halle H1
„Sonny Rollins hat, wie viele große Künstler, eine Galaxie geschaffen, in der er mittlerweile als einziger Bewohner seine Kreise zieht“, war in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kürzlich zu lesen. Die Großen seiner Zeit hat er mittlerweile nahezu alle überlebt – Monk, Miles, Coltrane. Nach sechs Jahrzehnten Musikkarriere ist der Hardbop-Meister der letzte musikalische Gigant der frühen Jazz-Ära. Er sei „fast so gut wie Bird“, hat Miles Davis bereits seinerzeit über den Tenorsaxophonisten gesagt, mit dem er in den frühen Tagen von dessen Karriere oft zu hören war und seit 1951 auch zu gemeinsamen Aufnahmen im Studio stand. 1954 erschienen auf dem Davis-Album „Bag’s Groove“ drei Rollins-Kompositionen, die zu Jazzstandards werden sollten: „Airegin“, „Doxy“ und „Oleo“. Außerdem entstanden in dieser Zeit zahlreiche Aufnahmen mit dem Pianisten Thelonious Monk, der ihn stark beeinflusste. Der 1930 geborene und in Harlem aufgewachsene Sohn karibischer Einwanderer begann als Pianist und wechselte nach kurzer Zeit über das Alt- zum Tenorsaxophon. Wie viele Jazz-Musiker in den 1950er Jahren war Sonny Rollins drogenabhängig. Nach einem Entzug trat er 1955 die Nachfolge von Harold Land im Quintett von Clifford Brown und Max Roach an. Nach Clifford Browns Tod 1956 und einem kurzen Gastspiel im Miles Davis Quintett trat er im Folgenden meist unter eigenem Namen auf, häufig im Trio ohne Klavier. 1956 erschien mit „Saxophone Colossus“ eine seiner bedeutendsten Aufnahmen, auf der mit dem Calypso „St. Thomas“ eine Rollins-Komposition enthalten war, die zu einem Evergreen des Jazz wurde. Zwischen 1959 und 1961 zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück; legendär aus dieser Zeit sind seine Sessions auf der Williamsburg Bridge, die Manhattan mit Brooklyn verbindet – alleine im Wind, gelegentlich auch zusammen mit Steve Lacy. In Anspielung darauf trägt sein erstes Album nach dieser Auszeit den Titel „The Bridge“, erschienen 1962 auf Bluebird/RCA. Bis 1966 arbeitet er viel mit Jim Hall, Don Cherry und Paul Bley zusammen. 1966 erscheint sein Album „Alfie“ auf dem seinerzeit führenden Jazz-Label Impulse!. Das Titelstück ist elementarer Bestandteil des Soundtracks des gleichnamigen Films von Lewis Gilbert, der Michael Caine zum Durchbruch verhilft. In den 1970er wie auch in den 1980er Jahren war er regelmäßig mit seinem eigenem Quintett und mit den Milestone All Stars, zu denen auch McCoy Tyner, der ebenfalls bei den BW-Bank jazzopen 2009 in Stuttgart zu Gast ist, sowie Ron Carter und Al Foster gehörten, auf Tour, verschiedentlich auch in Europa. 2004 wurde Sonny Rollins mit einem Grammy Award für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Sein aktuelles Album „Roadshows Volume 1", erschienen im Herbst 2008 auf Emarcy, vereinigt bislang unveröffentlichte Live-Aufnahmen von 1980 bis 2007, also aus annähernd drei Jahrzehnten, und dokumentiert hervorragend die Konstanz in der Qualität seiner Live-Konzerte. Anlässlich seiner Deutschland-Tour im Winter 2008 notierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung zur Bedeutung von Sonny Rollins: „Und einen solchen Ton hat nur er zustande gebracht, wobei nicht einmal so sehr das schiere Volumen fasziniert; vielmehr die rhythmische Attacke, die scharfen Kanten seiner Phrasierung. Rollins könnte eine Tonleiter spielen, und man würde ihn am Ansatz erkennen, an diesem Akzent, den er jedem Ton mitgibt.“ Und weiter: „Sicherlich war Coltrane danach einflussreicher als Rollins. Aber bisweilen hat Coltrane Tenorsaxophon gespielt wie ein Altsaxophon, und nicht ohne Grund ist er oft auf das Sopransaxophon ausgewichen. Rollins dagegen ist der Tenorsaxophonist par excellence. Die hohen Lagen interessieren ihn überhaupt nicht, im virilen Brustton der Überzeugung formuliert er seine Motive vor allem in der mittleren und tiefen Lage. Er spielt keine Melodien, sondern abgerissene Fetzen, ausgefranste Intervalle, die er fast willkürlich aneinanderreiht.“ Heute ist Sonny Rollins neben John Coltrane, mit dem er übrigens ebenfalls ein Album aufgenommen hat, unbestritten einer der einflussreichsten Jazz-Saxophonisten aller Zeiten. Doch trotz seiner immensen Erfolge und Errungenschaften sieht er sich noch immer als Suchender, der täglich mehrere Stunden mit seinem Instrument verbringt. Sonny Rollins, der ’Saxophone Colossus’, verfügt nicht nur über eine Körpergröße von nahezu zwei Metern, sondern ist tatsächlich eines der wenigen Jazz-Weltwunder, das noch live erlebt werden kann. Sein Auftritt bei den BW-Bank jazzopen ist das einzige Deutschlandkonzert in diesem Jahr.
Besetzung:
Sonny Rollins (tenor saxophone)
Clifton Anderson (trombone)
Bobby Broom (guitar)
Bob Cranshaw (bass)
Kobie Watkins (drums)
Victor Y. See Yuen (percussion)