ERYKAH BADU
Als 1997 "Baduizm" erschien, war das Debütalbum von ERYKAH BADU die Geburtsstunde von Neo-Soul. In einer Situation, in der das Image der toughen Gangsta-Bitch noch das einzige zur Verfügung stehende role-model-Angebot für junge Afroamerikanerinnen im Showbusiness gewesen ist, hat ERYKAH BADU im Handumdrehen eine Figur rehabilitiert, die zwar nicht neu war, aber etwas in Vergessenheit geraten einen erfrischenden Standpunkt darzustellen vermochte: als Modernisierung einer klassischen Souldiva war ERYKAH BADU Inszenierung als Lady mit Format dem bis dahin gültigen Leitbild, dem ewigen Schulmädchencharme von Lil' Kim und Konsorten, ganz offensichtlich überlegen: next level, einfach der reifere Entwurf. Binnen kurzer Zeit erreichte "Baduizm" fünffachen Platinstatus in den USA, die Singleauskopplung "On & On" war ein Welthit - insgesamt zwei ihrer mittlerweile vier Grammyauszeichnungen trugen ihr diese Debütveröffentlichungen ein. Dessen ungeachtet hat sich ERYKAH BADU nie damit zufrieden gegeben, einmal Erreichtes zu repetieren oder sich anderweitigen Marktanforderungen zu unterwerfen: "Für mich ist nur mein Vorgängeralbum wichtig, denn daran messe ich mich. Wo stand ich letztes Mal? Wie kann ich es schaffen, von dort aufs nächste Level zu gelangen?" Dementsprechend veröffentlicht sie in einem wohldosierten Abstand von drei bis fünf Jahren jeweils Alben, in denen man in den langen Wartezeiten, die zwischen ihnen liegen, reichlich Material findet, das bei erneutem Hören immer wieder bislang unentdeckte Ebenen entfaltet. "Bag Lady", die Singleauskopplung aus ihrem zweiten Studioalbum "Mamas Gun", enterte Ende 2000 die Top Ten der US-Billboard-Charts, das Album wurde dreimal mit Platin ausgezeichnet. "Worldwide Underground" markierte drei Jahre später die nächste Station in der Entwicklung von ERYKAH BADU: das überraschend experimentell ausgefallene, als EP vermarktete Album trägt den Charakter einer Jam-Session, deren zehn Songs als solche zwar lesbar bleiben, aber ineinander übergehen. Rückblickend lassen ihre Studioalben erkennen, wie ERYKAH BADU das Feld von hinten aufgerollt hat: auf "New Amerykah: Part One (4th World War)" - dem jüngst erschienenen ersten Teil ihrer für 2008 angekündigten Release-Kampagne - ist sie bei einem lupenreinen state-of-the-art-HipHop angekommen, für den sie mit den Keyproducern des Conscious HipHop zusammengearbeitet hat: Madlib, 9th Wonder, Amir "?uestlove" Thompson (The Roots), OmMas Keith, Taz Arnold und Shafiq Husayn vom Producer-Kollektiv Sa-Ra, Mike "Chav" Chavarria, aber auch Produzentenlegende James Poyser waren an der Produktion beteiligt. Das vielschichtige neue Album ist - neben einer Vielzahl von Themen und Referenzebenen - deutlich geprägt durch die Tatsache, dass BADU die Segnungen der digitalen Produktionsmittel für sich entdeckt hat: weite Teile der Rohfassungen der neuen Songs entstanden auf ihrem Laptop, das mittlerweile zum unentbehrlichen Begleiter geworden ist. Darüber hinaus waren auch Musiker wie Roy Hargrove, Bilal oder Omar Rodríguez-López von The Mars Volta für "New Amerykah: Part One (4th World War)" im Studio. Einmal mehr überrascht BADU mit einem im besten Sinne ungewöhnlichen Album, dessen meinungsstarke Statements, messerscharfe Produktion und einmaliger Vortrag einen großen Abstand zur Schar der Nachahmerinnen aufzuweisen hat. Kennzeichnend für BADUs Produktionsweise ist, dass das Aufgreifen unterschiedlicher Fäden der Popmusik wie Jazz, Soul, R&B oder HipHop nicht zum Selbstzweck gerät und in Beliebigkeit mündet, sondern zur stets neuen Ausformulierung ihrer jeweils erweiterten Selbstbestimmtheit genutzt werden: ein Eklektizismus mit Methode gewissermaßen. Es ist alles andere als ein Zufall, dass die Wertschätzung, die diesen herausragenden Studioalben entgegengebracht wird, von ihrem 1997 erschienenen "Live"-Album noch übertroffen wird: selten waren die Live-Qualitäten einer Künstlerin offensichtlicher als auf diesem Meilenstein der Konzertmitschnitte - "Tyrone", diese ultimative Absage an alle Goldkettchen-Macker und deren Cousins, stellt den Höhepunkt dieser Sternstunde dar und gehört nach wie vor zu den bekanntesten Songs von ERYKAH BADU. Nach der erfolgreichen Veröffentlichung der auf dem aktuellen Album lediglich als Bonustrack zu findenden Single "Honey", eines klassisch bouncenden Party-Tracks als Hybrid aus Soul- und HipHop-Elementen, stehen ERYKAH BADU erneut alle Türen weit offen. Einen Ausblick auf 2008 entwickelte jüngst Sven Beckstette in der FAZ: "Das Gegenstück 'Return of the Ankh' folgt voraussichtlich im Sommer und soll wesentlich emotionaler und empfindsamer ausfallen als sein beklemmender und nüchterner Widerpart. Doch auch mit diesem Diptychon ist es für BADU noch nicht getan. In den nächsten zwölf Monaten plant sie außerdem eine weitere live eingespielte Studioplatte und will auch das Debüt ihres Nebenprojektes Edith Funker herausbringen, bei dem unter anderen Wendy & Lisa aus dem Umfeld von Prince mitmachen. Trotzdem steht so viel bereits fest: 'New Amerykah: Part One' ist Badus bislang komplexeste und substantiellste Platte, die ihre volle Wucht langsam, dafür umso gewaltiger entfaltet. Und wenn sie ihre ehrgeizigen Veröffentlichungstermine tatsächlich einhalten sollte, dann könnte das Hip-Hop-Jahr 2008 ganz im Zeichen dieser Sängerin stehen. Nicht die schlechtesten Aussichten für das konformistische Rap-Geschäft also. BADUs eigenwillige Ein-Frau-Untergrund-Bewegung streut jedenfalls schon jetzt ordentlich Sand in das seit langem viel zu gut geschmierte Getriebe von Hip-Hop und Rhythm & Blues."



